Glashaus 4/2001
Norbert Kalthoff
Entdeckungsreisen in Glas: Christian Schmidt

Im Bug des Bootes sitzt ein Hase. Kopf und Ohren hängen leicht nach vorn. Man weiß nicht so recht, ob er traurig ist. Sicher nimmt er nicht die riesige Welle wahr, die im nächsten Moment über das Boot hinwegrollen wird.

Dem Rest der Mannschaft, die sich als Schicksalsgemeinschaft im hinteren Teil des Bootes aneinandergekauert hat, schwant nichts Gutes. Skepsis und Angst sprechen aus ihren Augen. Eine merkwürdige Besatzung: manche mehr Tier als Mensch, Maskenträger, und der Hase ist vielleicht keiner, denn Gesicht und Hand sind eindeutig menschlicher Natur.

Das Objekt „Die Welle“ ist ein gutes Beispiel für die Welten, die Christian Schmidt (ChriSch) aus den Farbüberfängen seiner Gläser herausgraviert. Es sind Momentaufnahmen von seltsamen Situationen, die sich eindeutiger Zuordnung oder Interpretation entziehen. Gemeinsam ist ihnen allen die Doppelbödigkeit, die Möglichkeit jedes Augenblicks des menschlichen Lebens, sich zum Guten oder Schlechten zu wenden. Der Betrachter erkennt die Ambivalenz seiner eigenen Existenz in ihnen gespiegelt. Schichten kollektiven Unterbewusstseins werden angetippt, Abgründe ahnbar. Aber die merkwürdigen Gesellschaften, die sich auf ChriSchs Glasarbeiten tummeln, strahlen zugleich auch eine Leichtigkeit aus, die das notwendige Gegengewicht zum existentiellen Gefährdungspotential bilden, dem sie in ihrer Verstricktheit ausgeliefert sind.

So auch in der Vase, die als Abrollung abgebildet ist. Auf den ersten Blick eine klare Sache: die Muttergestalt mit dem nötigen Überblick auf dem Turm – ihr Gegenspieler mit der Teufelskopfmandoline und dem stechenden Blick, assistiert von einer Mannschaft von Unholden – am Boden eine Angstgestalt – Kampf zwischen Gut und Böse – vielleicht die Mutter, die den Sohn vor Unheil bewahren will – eine Geschichte mit absehbar traurigem Ende, denn die Mutter steht auf äußerst wackligem Grund. Doch so einfach liegen die Dinge nicht. Diese gütige Mutter ist bei näherem Hinsehen eine merkwürdige Gestalt. Um ihren Oberkörper hängt an schweren Bändern eine Maske, die sie sich offensichtlich vom Gesicht genommen hat. Ihr Unterleib ist unbekleidet und bei genauerer Betrachtung ist man nicht mehr sicher, ob sie ein eindeutig weibliches Wesen ist. Auch ihr Gegenspieler ist seltsam genug und geschlechtlich nicht eindeutig zu bestimmen. Sein Gesicht wirkt nun durchaus nicht dämonisch oder hinterlistig, eher sympathisch. So öffnen sich ChriSchs Geschichten mit jeder Drehung des Gefäßes für eine neue Entdeckungsreise. Lässt man sich ein, kommen sie dahergeschwebt wie unsere nächtlichen Träume. Wie diese sind sie nebulös und undurchschaubar, aber eben gerade deshalb in der Lage, Bewusstes und Unbewusstes zu integrieren.

ChriSch (Jg. 1958) akzeptiert seine Figuren auch wo er sie kompromisslos parodiert. Stets bewahrt er den nötigen distanzierten Blick und geht dennoch liebevoll mit ihnen um. Hier liegt die Wurzel für den hintergründigen Humor, der typisch für seine Arbeiten ist. So kann sich der Betrachter vertrauensvoll einladen lassen zu einer Reise in das Licht- und Schattengewebe seiner eigenen Innenwelten. Bei Erich Fromm heißt es: „Was im Wachzustand gewöhnlich unbewusst ist, wird in der Kunst bewusst gemacht.“ Christian Schmidt besitzt über seine Virtuosität als Graveur hinaus die Gabe, in seinen Werken diese Grenze zwischen Bewusstem und Unbewusstem zu überschreiten.

Der Hase im Boot ist zur Zeit auf Weltreise. Er hat am internationalen Glaspreis von Kanazawa (Japan) teilgenommen, wo ChriSch bereits 1995 den 2. Preis gewonnen hat. Wie japanische Betrachter diesen Hasen sehen, der so ganz anders ist als der in der japanischen Mythologie, bleibt ebenso offen wie ihre Reaktion auf diese Bootsgesellschaft,denn ganz nebenbei spielt ChriSch auf den berühmten Farbholzschnitt „Die große Welle“ von Hokusai an.

Christan Schmidt wird vertreten durch: Compositions Gallery, San Francisco (USA); First Glas Galerie, München; Galerie B, Sinzheim/Baden-Baden; Galerie Herrmann, Drachselsried; Galerie Kurzendörfer, Pilsach, Galerie Max 21, Iphofen (D); Galerie Neusser, Wien; glas.galerie.linz, Linz (A); Glas-Kabinett, Hausen (CH).

 
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